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Samstag, 11. Mai 2013

Re:publica 2013 - Eine schöne digitale Welt



Schöne digitale Welt

Am 05.05.2013 begann morgens die Gestaltung der  Re:publica 2013

Schachteln für den Aufbau von Wänden und Theken, 3000 Stofftaschen mit Lesestoff zum Befüllen, der Kabelsalat und endlose weitere technische Tätigkeiten waren zu bewältigen. Anna organisierte und die Helferinnen packten tatkräftig an.

Die Re:publica fühlt sich für Re:publica-Helfer wie ein soziales Utopia an. Hier  gab es keine Selbstdarstellungsbedürfnisse so von Insider zu Insider. Es hätte auch keiner zugehört. Gegenseitiges Helfen war angesagt, wenn bei einem Helfer die Zeit knapp und Stress-Situationen häufiger wurden. Jeder ist fast überall einsetzbar. Da häuft sich eine Menge an prozeduraler Wissenserfahrung an.
Recht unbeschwert ging es in dieser vielseitigen Helfer-Crew zu. Hier trafen sich alle möglichen und unmöglichen Berufe, Kulturen und Altersgruppen.

Nachmittags bereits beträchtliche Fortschritte.  

Und am Morgen danach steht die digitale Zauberwelt für Menschen aller Länder - übrigens behindertengerecht. 


Fragen über Fragen zur Re:publica:- Leitete die digitale Revolution einen Fortschritt oder einen Rückschritt ein?
- Wie behalten wir die Kontrolle über unser Online-Leben? 

- Verlieren Sie immer häufiger den Faden, wenn Sie im Netz sind?
  
Hierzu der australische Philosoph Damon Young (8):

 "To be diverted isn't simply to have too many stimuli but to be confused about what to attend to and why….


Gibt es Medien-Sicherheit für Kinder?
Wann ist Internet-Zeit für Kinder?

Die Zeit war zu kurz, um tiefschürfende Erkenntnisse zu bekommen. Die Re:publica war auf jeden Fall ein Muntermacher.
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Am Flughafen Berlin-Tegel – beim Heimflug – überdachte ich nochmals die Re:publica-Tage. Schließlich warf mich mein euphorisch gewordenes Re:publica-Über-Ich wieder zurück in die digitale Ängstlichkeitsrealität.
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Vor allem der Vortrag mit Dokumentarfilmen zum Kriegsgeschehen hatte mich gefesselt. Leider ist das Video von der GEMA gesperrt worden.

Folgende Fragen zum Filmen tauchten auf:

Sollte man Videos einstellen mit sichtbarem Fadenkreuz, abzuschießender Person und Explosionsfolgen? Heizt das ein Kriegsgeschehen an?

Nervenzermürbend ist die Tätigkeit am Kriegsschauplatz. Mutig, diese Reporter, die, angeseilt außen auf der Tragfläche eines zum Angriff startenden Flugzeuges sitzend, filmen. Weil ich in der Medienwelt zum Kriegsgeschehen publiziere, weiß ich, dass ich bin? Was treibt einen Reporter an, sich der Kriegsgefahr auszusetzen? (Vortrag: re:publica 2013 - Thomas Wiegold, Sascha Stoltenow: Die Digital Natives ziehen in den Krieg, Link 7)

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Was zeigte noch Re:publica Nachwehen? War die Re:publica doch ein Traum oder eine soziale Utopie gewesen?
Das Thema Bildung, das Lernen lernen, das iPad sowie die allgemeine, einschließlich der geistigen Verarmung schlängelte sich durch die Vorträge und Säle:

Gebt den Vogelfreien –  also den sozial Benachteiligten – und den Schülern und Lehrern ein iPad zur Gestaltung neuer Lebensinhalte? Ja, so oder provokanter hätte ich mir die Bildungsthemen gewünscht.
Gleichzeitig wären da unsere eigenen Schwächen, im Netz des den Verdrängungsmechanismen unterliegenden Sozialgefälles, zu fokusieren. Unsere hintergründigen Emotionen (8) bedürfen zusätzlicher Kontrolle. Sind da digital-gebildete Missionare am Werk? In Angola gibt es den Spruch „Bevor die Missionare kamen hatten wir das Land, anschließend nur die Bibel.“ Das Thema Emotionen und was treibt uns an (Altruismus? Narzissmus?) bei Social Media, das ist unter Link (8) interessant dargestellt.

Brauchen wir ein Bildungsmarketing damit Bildung in die Gehirne kommt?
Die Begeisterung für Sport und Ferien ist deutlich stärker ausgeprägt als ein Streben nach digitaler Wissenszufuhr und Mitbestimmung,  zumindest in einer gewissen Schicht unserer Gesellschaft. Diese Mitglieder unserer Gesellschaft wollen sich nicht unbedingt für Wissen anstrengen. Sie wollen Spaß.
Andere Gesellschaftsschichten brauchen eher einen vollen Magen.

Motivation für das Lernen ist die Aussicht auf eine Bedürfnisbefriedigung.

Wieso nach einer frisch-fröhlichen Re:publica solche Gedanken auftauchen?
Auslöser dafür war ein Ereignis im Eingangsbereich am Flughafen Berlin-Tegel. Ein junger Mann wühlte in einem Abfalleimer, fand einen Plastikbecher mit etwas Saft und trank ihn gierig aus.
Was folgern Sie? Wo finden die durch das soziale Netz gefallenen Mitbürger ihren Platz im digitalen Bildungsnetz?   
Was lernen wir daraus? Welche Möglichkeiten bietet die digitale Welt, um Menschen an und unter der Armutsgrenze aufzunehmen.

Das Miteinander, das Lernen und der gegenseitige Austausch bedürfen des Anfassens. Begreifen, gemeinsam das Leid fühlen, riechen und schmecken, wie in Berlin-Tegel am Abfalleimer.

Wir brauchen einen Platz zum Erwärmen. Der existiert noch nicht in der digitalen Welt. Die digitale Welt liegt in den Geburtswehen. Die Fruchtwasserblase ist noch nicht gesprungen. Zwischen Blut, Urin und Fäkalien wird der Mensch geboren. Welche Geburtshelfer braucht das digitalisierte Land? Reichen Kursleiter/Lehrer/Helfer aller möglichen und unmöglichen Berufe, so wie bei der Re:publica aus?

Wir sollten den sozial benachteiligten Mitmenschen, den ‚Vogelfreien’ ein iPad geben? Unter Brücken sah ich Männer morgens schlafen, wenn ich mit der U-Bahn vom Alexanderplatz zur Re:publica am Gleisdreieck fuhr.
Das iPad ist keine Lösung. Achtsamkeit, Empathie und Unterstützung sind passende Problemlöser-Skills – ganz ohne iPad. Mit iPads’ lässt sich die Armut, einschließlich der Wissensarmut, kaum beheben.  

On- und offline-Streetworker braucht das Land, meinen Sie? Intuitiv würde ich zustimmen. Allerdings möchte ich mich nicht auf die Intuition verlassen. Falsche Überzeugungen/Beliefs bedürfen der Prüfung.
Ist der digitale Fortschritt etwa ein Rückschritt, weil er zu sehr auf den egoistischen Nutzwert abzielt?
Gehen daran alle Lebewesen zugrunde und vor allem der Mensch?
Schlagen Maschinen irgendwann zurück?
Alte und neue Ängste erwachen im Zusammenhang mit Maschinen und digitalen Tools. Sie könnten dem Menschen mittelbaren oder unmittelbaren Nutzen bringen, falls der Schaden nicht größer wäre.
Den mittelbaren Nutzen beim Strom, damit ich den Text schreiben kann, sehe ich ein. Beim elektrischen Rasenmäher beginne ich schon zu zweifeln.
Für den Nutzen meines iPads finde ich nicht genügend Argumente. Eine Wäscheschleuder schleudert Wasser heraus, aber das iPad? Die Suche im Internet verschleudert meine Zeit und die Informationen erwecken teils den Anschein von Gebetsmühlen.

Irgendwie gruselig, dass ein Smartphone oder iPad allmählich personifiziert und wie ein Familienmitglied umhegt wird. Womöglich wird das iPad zum iPet?
Keiner umsorgt seinen Ehemann oder seine Ehefrau so liebevoll wie er dieses digitale Teil umhegt. Angeblich spricht der Durchschnittsmensch höchstens zehn Minuten pro Tag mit seinem Partner. Aber wehe, wenn des Menschen bestem Teil etwas zustößt, dem Smartphone. Auf der Re:publica fiel ein Smartphone in die Toilettenschüssel. Mit schneller Hand wurde das nasse Etwas herausgefischt und wegen seiner Feuchtigkeit bedauert.

Wo bleibt die lebendige Kommunikation mit allen Sinnen und mit allen Menschen?
Auf der Re:publica liefen vorwiegend Insider-to-Insider-Gespräche. Wie soll Wissen wachsen, wenn nichts aus fremden Quellen strömt? Undenkbar, wenn sich nur Mediziner mit Medizinern austauschten oder Lehrer nur mit Lehrern. Da wäre nicht viel los mit der Menschheit – krank an Körper und Geist.
Von der Online-Strategie weg und hin zur Offline-Kommunikation?
Das klappte auf der Re:publica nicht so recht und Berlin schien von auf ihr Smartphone starrenden Menschen übervölkert zu sein.
Auf diese Weise bin ich wie ein unsichtbarer Geist einigen Online-Gefährten von Google plus und facebook über den Weg gelaufen. Wer kann schon mit einem Smartphone konkurrieren?
Meine Brieftauben zuhause reagieren anders. Sie finden mich überall und reagieren in fremder Umgebung äußerst aufmerksam. In Kriegszeiten sind sie besonders wertvoll. So ein Brieftauben-Nachrichtendienst ist nicht wie ein digitales Netz lahmzulegen.

Quellen:
(1) Das Ich und die Entwicklung und falsche Beliefs
(2) Emotionen
(3) Alte und neue Ängste (Vortrag bei den Lindauer Psychotherapiewochen 2013)
(4) Beschleunigte Zeit und Angst (LPT 2013)
(5) Ichkurs, Gefühle, Lebenszeit
(6) Emotionen von Zielgruppen (Altruisten, Verbinder...)
(7) Die Digitalen ziehen in den Krieg




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